Echte Programmierer meiden PASCAL
Aus DATAMATION 7/83, übersetzt durch Bernd Leeds
Vor langer Zeit, in der goldenen Ära der Computer, war es noch
einfach, die Männer von den Memmen zu trennen (mitunter auch ''Echte
Männer'' und ''Müsli-Fresser'' genannt). Echte Männer programmierten
Computer, und Müsli-Fresser ließen es bleiben. Ein echter
Computer-Programmierer sagte Dinge wie ''DO I=0,10'' oder
''ABEND'', und der Rest
der Welt quängelte ''Computer sind mir zu kompliziert'' oder ''Ich kann zu
Computern keine gefühlsmäßige Bindung aufbauen - sie sind zu
unpersönlich''. Dabei zeigt schon Remy Eyssen's Buch ''Echte Männer
mögen kein Müsli'' (Heine TB 6290), daß echte Männer zu nichts und
niemandem eine ''gefühlsmässige Bindung'' aufbauen, und daß sie auch
keine Angst haben, unpersönlich zu sein.
Aber die Zeiten ändern sich. Heute stehen wir einer Welt gegenüber,
in der kleine alte Damen vollcomputerisierte Mikrowellenherde kaufen
können, in der 12 Jahre alte Dreikäsehochs gestandene Männer bei
ASTEROIDS und PACMAN sattmachen, und in der jeder seinen eigenen
Heimcomputer kaufen und sogar verstehen kann. Der Echte Programmierer
ist gefährdet, von Studenten mit einem igITT 2020 im Gepäck ersetzt
zu werden!
Es gibt allerdings einige Unterschiede zwischen dem typischen
PACMAN-spielenden Gymnasiasten und einem Echten Programmierer. Die Kenntnis
dieser Unterschiede wird den Heranwachsenden ein Ziel geben, nach dem
sie streben können - ein Vorbild, eine Vaterfigur. Außerdem schützt
sie die Echten Programmierer vor der Arbeitslosigkeit.
Der einfachste Weg, um einen Echten Programmierer zu erkennen, führt
über die von ihm benutzte Programmiersprache. Echte Programmierer
benutzen FORTRAN. Müsli-Fresser benutzen Pascal. Niklaus Wirth, der
Schöpfer von Pascal, wurde einmal gefragt, wie man seinen Namen
ausspreche. ''You can either call me by name, pronouncing it 'Veert', or
call me by value, 'worth''', antwortete er. Diese Bemerkung zeigt
sofort, daß Wirth ein Müsli-Fresser ist. Der einzige
Parameterübergabemechanismus, den Echte Programmierer akzeptieren, ist
call-by-value-return, wie er in den IBM/370
Fortran-G und -H-Compilern implementiert ist. Echte Programmierer
brauchen schließlich keine abstrakten Konzepte; sie sind vollkommen
glücklich mit einem Lochkartenstanzer, einem Fortran-IV-Compiler und
einem Bier. Echte Programmierer erledigen Listenverarbeitung,
Zeichenketten-Manipulationen, Abrechnungswesen (wenn überhaupt) und
künstliche Intelligenz in FORTRAN. Was sie mit FORTRAN nicht machen
können, machen sie mit Assembler; was sie mit Assembler nicht machen
können, lassen sie verächtlich liegen.
Akademische Computerspezialisten sind in den letzten Jahren aufs
Abstellgleis der strukturierten Programmierung geraten. Sie behaupten,
daß Programme verständlicher werden, wenn bestimmte Sprachkonstrukte
und Programmiertechniken benutzt werden. Sie können sich natürlich
nicht einigen, welche Konstrukte am besten geeignet sind, und die
Beispiele, an denen sie ihren speziellen Standpunkt aufzeigen wollen,
passen ausnahmslos auf eine einzige Seite irgendeines obskuren
Journales. Als ich aus der Schule kam, dachte ich, ich sei der beste
Programmierer der Welt. Ich konnte ein unschlagbares TIC-TAC-TOE-Spiel
schreiben, beherrschte 5 verschiedene Programmiersprachen und schrieb
fehlerfreie 1000-Zeilen-Programme. Dann kam ich in die Wirklichkeit.
Meine erste Aufgabe bestand darin, ein 200000-Zeilen-FORTRAN-Programm
zu lesen, zu verstehen und um den Faktor 2 zu beschleunigen. Jeder
Echte Programmierer wird einem versichern, daß die gesamte
strukturierte Programmierung der Welt in einem solchen Fall nicht hilft
- hier braucht man wirklich Talent.
Einige Beobachtungen zum Thema ''Echte Programmierer und strukturierte
Programmierung'':
- Echte Programmierer haben keine Angst vor GOTOs.
- Echte Programmierer schreiben 10 Seiten lange DO-Schleifen, ohne durcheinander zu geraten.
- Echte Programmierer lieben arithmetische IF-Statements, weil sie den Code interessanter machen.
- Echte Programmierer schreiben selbstmodifizierende Programme, speziell wenn sie damit in einer kleinen Schleife 20 Nanosekunden einsparen können.
- Echte Programmier brauchen keine Kommentare, das Programm ist selbstdokumentierend.
- Da FORTRAN strukturierte IF-, REPEAT... UNTIL- oder CASE- Anweisungen nicht kennt, braucht sich der Echte Programmierer nicht zu sorgen, daß er sie nicht benutzt. Außerdem kann man sie nötigenfalls über ''Assigned GOTOs'' simulieren.
Auch Datenstrukturen waren in der letzten Zeit in der Diskussion.
Abstrakte Datentypen, Records, Pointer, Listen und Zeichenketten sind
in gewissen Kreisen populär geworden. Wirth, der Müsli-Fresser,
verfasste sogar ein ganzes Buch (''Algorithmen und Datenstrukturen'',
Teubner 1975), in dem er behauptete, daß man Programme schreiben
könne, die auf Datenstrukturen aufbauen, statt es umgekehrt zu machen.
Wie jeder Echte Programmierer weiß, gibt es nur eine wirklich
nützliche Datenstruktur, das Array. Zeichenketten, Listen, Records und
Mengen sind allesamt Sonderfälle von Arrays und können auch so
behandelt werden, ohne dadurch die Sprache zu verkomplizieren. Das
schlimmste an den ganzen schönen Typen ist außerdem, daß man sie
deklarieren muß, während Echte Programmiersprachen, wie man weiß,
den Type anhand des ersten Buchstabens eines maximal ein Zeichen langen
Bezeichners implizit festlegen.
Welches Betriebssystem der Echte Programmierer benutzt? CP/M? Gott
bewahre! Das ist doch im Grunde ein Spielzeug-Betriebssystem. Selbst
kleine alte Damen und Hauptschüler könne CP/M benutzen und verstehen.
UNIX ist natürlich schon viel komplizierter - der typische UNIX-Hacker
weiß nie, wie das PRINT-Kommando diese Woche heißt - aber wenn man es
genau nimmt, ist UNIX auch nur ein verherrlichtes Telespiel. Niemand
arbeitet auf UNIX-System an ernstzunehmenden Dingen - man schickt
kleine Witzchen über USENET rund um die Welt, oder schreibt ein neues
Adventure-Spiel oder Forschungsberichte.
Nein, der Echte Programmier benutzt OS/370. Ein guter Programmierer
kann die Beschreibung des Fehlers IJK305I in seinem JCL-Manual (Job Control
Language) finden und verstehen. Ein großartiger
Programmierer kann JCL schreiben, ohne je das Manual zu sehen. Ein
wahrhaft außerordentlich guter Programmierer kann Fehler in einem
6-Megabyte-Hexdump finden, ohne einen Taschenrechner zu benutzen.
OS/370 ist wirklich ein bemerkenswertes Betriebssystem. Mit einem
einzigen falsch plazierten Leerzeichen kann man die gesamte Arbeit
mehrerer Tage zerstören, was die Wachsamkeit im Programmierteam
ungemein fördert. Der beste Weg zum System ist der Kartenstanzer. Zwar
behaupten einige Leute, es gäbe ein Timesharing-System unter OS/370,
aber nach sorgfältigen Nachforschungen bin ich zu dem Schluß
gekommen, daß sie sich irren.
Welche Werkzeuge kann ein Echter Programmierer benutzen? Nun,
theoretisch könnte er seine Programme über die Maschinenkonsole
eingeben und laufen lassen. In den frühen Tagen der Computerei, als
Computer noch Maschinenkonsolen hatten, wurde dies auch gelegentlich
getan. Der typische Programmierer wußte den System-Urlader Bit für
Bit auswendig und tastete ihn ein, sobald er von seinem Programm
zerstört worden war. Damals war Speicher auch noch Speicher - der war
nicht einfach leer, wenn der Strom ausfiel. Hauptspeicher von heute
hingegen vergessen entweder Dinge, die sie behalten sollen, oder halten
Informationen, die schon lange weg sein sollten. Aber zurück zum
Thema. Die Legende sagt, daß Seymour Cray, der Erfinder des
Cray-I-Supercomputers und der meisten anderen Rechner von Control Data,
selbst
das erste Betriebssystem für die CDC 7600 an der Maschinenkonsole
eingetastet hat, als sie das erste Mal eingeschaltet wurde. Cray ist
selbstverständlich ein echter Programmierer.
Einer der Programmierer, die ich am meisten bewundere, arbeitet als
Systemprogrammierer für Texas Instruments. Eines Tages erhielt er ein
Ferngespräch von einem Benutzer, dessen System mitten in einer
wichtigen Arbeit abgestürzt war. Der Typ reparierte dann den Schaden
über's Telefon. Er brachte den Benutzer dazu, an der Maschinenkonsole
Disk-I/O-Instruktionen einzutasten, Systemtabellen in Hexadezimal zu
reparieren und Registerinhalte über's Telefon durchzugeben. Die Moral
von der Geschichte: Obwohl ein echter Programmierer normalerweise
Kartenlocher und Schnelldrucker benutzt, kommt er im Notfall auch mit
Maschinenkonsole und Telefon aus.
In einigen Firmen besteht die Programmeingabe allerdings nicht mehr aus
10 schlangestehenden Ingenieuren, die auf einen 029-Locher warten. In
meiner Firma zum Beispiel steht kein einziger Kartenlocher. Der Echte
Programmierer muß in diesem Fall seine Arbeit mit einem Texteditor
erledigen. Auf den meisten Rechnern stehen verschiedene Editoren zur
Verfügung, und der Echte Programmierer muß aufpassen, daß er einen
erwischt, der seinen persönlichen Stil wiedergibt. Viele Leute
glauben, daß die besten Editoren der Welt im Xerox Palo Alto Research
Center geschrieben wurden und auf Alto- und Dorado-Computern laufen.
Unglücklicherweise würde jedoch kein Echter Programmierer einen
Computer mit einem Betriebssystem benutzen, das Smalltalk heißt, und
sicherlich auch nicht über eine Maus mit einem
Rechner kommunizieren.
Einige Konzepte der Xerox-Editoren sind mittlerweile in Editoren
eingeflossen, die unter sinnvoller benannten Betriebssystemen arbeiten,
so wie EMACS und VI. Das Problem mit diesen Editoren ist, daß Echte
Programmierer das Prinzip ''Du kriegst, was du siehst'' für schlecht
halten. Der Echte Programmierer will einen ''Du hast es so gewollt, da
hast du's''-Editor, einen, der kompliziert ist, kryptisch,
leistungsfähig, gnadenlos und gefährlich. TECO, um genau zu sein.
Es wurde beobachtet, daß TECO-Kommandofolgen dem Leitungsrauschen
ähnlicher sind sind als lesbarem Text. Eins der unterhaltsameren
Spiele, die mit TECO möglich sind, besteht darin, den eigenen Namen
als Kommando einzugeben und zu raten, was dann passiert. So ungefähr
jeder mögliche Tippfehler kann dank TECO das gerade editierte Programm
zerstören, oder schlimmer noch, kann kleine mysteriöse Fehler in
einstmals funktionierende Unterprogramme einbringen.
Aus diesem Grund editieren Echte Programmierer nur sehr widerwillig
Programme, die schon fast laufen. Sie finden es viel einfacher, den
binären Objektcode direkt zu ändern, für gewöhnlich mit einem
wundervollen Programm, das SUPERZAP heißt (auf Nicht-IBM-Rechnern
entsprechend anders). Dies funktioniert so gut, daß viele laufende
Programme auf IBM-Systemen keine Ähnlichkeit mit dem ursprünglichen
FORTRAN-Quellprogramm haben. In einigen Fällen ist nicht einmal mehr
das Quellprogramm vorhanden. Wenn dann der Zeitpunkt gekommen ist, ein
Programm zu ändern, würde kein Mananger auch nur daran denken, einem
geringeren als einem Echten Programmierer diese Arbeit zu übertragen -
kein Müsli-fressender strukturierter Programmierer wüßte auch nur,
wo er mit der Arbeit anfangen sollte. Man nennt das
Arbeitssicherungsmaßnahme.
Hier eine Liste der wichtigsten Programmierhilfen, die der Echte Programmierer nicht benutzt:
- FORTRAN-Präprozessoren wie MORTRAN oder RATFOR. Diese Haute Cuisine der Programmierung eignet sich hervorragend, um Müsli zu produzieren.
- Quellcodeorientierte Debugger. Echte Programmierer lesen Hexdumps.
- Compiler, die Code für Array-Indexprüfung zur Laufzeit erzeugen. Sie ersticken jede Kreativität, zerstören die meisten der interessanteren Anwendungen der EQUIVALENCE-Vereinbarung, und machen Änderungen des Betriebssystems mittels negativer Indizes unmöglich. Und, schlimmer noch, solcher Code ist ineffizient.
- Programm-Pflege-Systeme. Ein Echter Programmierer hält seine Software als Kartenstapel unter Verschluß, denn dies zeigt, daß der Besitzer seine wichtigen Programme nicht unbewacht lassen kann.
Wo der typische Echte Programmierer arbeitet? Welche Art von Programmen
derart talentierter Individuen würdig ist? Nun, man kann sicher sein,
daß man nie einen Echten Programmierer beim Schreiben von
Buchhaltungsprogrammen in COBOL erwischen wird, oder gar beim Sortieren
der Abonentenadressen des SPIEGEL. Nein, ein echter Programmierer
braucht Aufgaben von weltbewegender Bedeutung.
Echte Programmierer arbeiten für das Los Alamos National Laboratory
und schreiben dort Atomkriegs-Simulationen auf Cray-I-Supercomputern,
oder sie arbeiten bei der National Security Agency und entschlüsseln
russische Funksprüche. Nur weil tausende Echter Programmierer für die
NASA gearbeitet haben, waren ''unsere Jungs'' eher auf dem Mond als die
Kosmonauten. Die Computer im Space Shuttle wurden von Echten
Programmierern programmiert, und auch die Betriebssysteme der Cruise
Missiles der Firma BOEING wurden von diesen echten Professionals
entworfen.
Einige der ehrfurchtseinflössendsten Echten Programmierer arbeiten im
Jet Propulsion Laboratory in Kalifornien. Viele von ihnen kennen das
gesamte Betriebssystem der Pioneer- und Voyager-Sonden auswenig. Mit
einer Kombination von großen, bodengebundenen FORTRAN-Programmen und
kleinen, von den Sonden mitgeführten Assembler-Programmen vollbringen
sie unglaubliche Kunststücke der Navigation und Improvisation. So
treffen sie nur 3 Kilometer große Fenster nahe Saturn nach 9 Jahren
Flug durch den Weltraum, oder reparieren bzw. umgehen defekte Sensoren,
Sender oder Batterien. Angeblich soll es einem Echten Programmierer
gelungen sein, in ein paar hundert Byte unbenutzten Speichers innerhalb
der Voyager-Sonde ein Mustererkennungsprogramm zu pressen, das einen
neuen Mond des Jupiters suchte, fand und fotografierte.
Für die Galileo-Sonde ist vorgesehen, daß sie auf ihrem Weg zum
Jupiter entlang einer schwerkraftgelenkten Bahn am Mars vorbeizieht.
Diese Bahn führt in einer Entfernung von 80 +/- 3 km an der
Marsoberfläche vorbei. Kein Mensch würde diese Art der Navigation
einem Pascal-Programm oder gar -Programmierer anvertrauen.
Viele der Echten Programmierer dieser Welt arbeiten für die
amerikanische Regierung, meist für das Verteidigungsministerium. So
soll es sein. In letzter Zeit erscheinen dunkle Wolken am Horizont der
Echten Programmierer. Es scheint, als hätten einige einflußreiche
Müsli-Fresser im Verteidigungsministerium entschieden, daß in Zukunft
alle Verteidigungsprogramme in so einer Art von großer,
vereinheitlichter Programmiersprache namens ADA geschrieben werden
müssten. Lange Zeit schien es, als läge ADA's Bestimmung im Verstoß
gegen alle Regeln der Echten Programmierung. Es ist eine Sprache mit
Strukturen, Datentypen, strenger Typbindung und Semikolons. Kurz, sie
ist wie geschaffen, um die Kreativität des typischen Echten
Programmierers zu verkrüppeln.
Glücklicherweise hat die jetzt vom DoD (Department of Defense)
ausgewählte Sprache noch genügend interessante
Eigenschaften, um dem Echten Programmierer eine Annäherung zu
ermöglichen: Sie ist unglaublich komplex, sie enthält Möglichkeiten,
um mit dem Betriebssystem herumzumachen, und Edgar Dijkstra mag sie
nicht. Dijkstra ist, wie man wissen sollte, der Autor von ''GOTOs
Considered Harmful'', einem Meilenstein der Programmiermethodologie, der
von Pascal-Programmierern und Müsli-Fressern gleichermassen bewundert
wird. Und außerdem, ein zu allem entschlossener Echter Programmierer
kann in jeder Sprache FORTRAN-Programme schreiben.
Der Echte Programmierer kann allerdings auch Kompromisse in Bezug auf
seine Prinzipien eingehen und an etwas geringeren Aufgaben als der
Vernichtung des Lebens arbeiten, sofern er dafür entsprechend bezahlt
wird. Viele Echte Programmierer schreiben z.B. Telespiele für Atari,
allerdings spielen sie nicht damit. Ein Echter Programmierer weiß, wie
er die Maschine jedesmal schlagen kann, und damit ist es keine
Herausforderung mehr. Jeder bei Lucas-Film ist ein Echter
Programmierer, denn es wäre doch verrückt, das Geld von 50 Millionen
Star-Wars-Fans auszuschlagen.
Der Anteil der Echten Programmierer im Bereich der Computer Graphics
ist etwas niedriger als anderswo, was wahrscheinlich daran liegt, daß
noch niemand irgendeinen Nutzen der Computer Graphic entdeckt hat.
Andererseits werden Computer Graphics vornehmlich in FORTRAN
abgehandelt, daher gibt es einige Leute, die so das Schreiben von
COBOL-Programmen vermeiden.
Im Allgemeinen spielt der Echte Programmierer, wie er arbeitet - mit Computern. Er ist ständig darüber erheitert, daß sein Arbeitgeber ihn tatsächlich für etwas bezahlt, was er nur so zum Spaß ebenso tun würde - allerdings achtet er darauf, diese Meinung nicht zu laut zu äußern. Gelegentlich kommt der Echte Programmierer auch aus seinem Büro heraus, um sich ein wenig frische Luft und ein oder zwei Bierchen zu genehmigen. Hier daher einige Hinweise, wie man den Echten Programmierer außerhalb des Computerraums erkennt:
- Auf Parties stehen Echte Programmierer in einer Ecke und diskutieren über Sicherheitsmechanismen von Betriebssystem und wie man darum herumprogrammiert.
- Bei Fußballspielen vergleicht der Echte Programmierer die Ergebnisse mit seinen auf grünliniertem Leporello-Papier gedruckten Computer-Simulationsergebnissen.
- Am Strand zeichnet der Echte Programmierer Flußdiagramme in den Sand.
- Ein Echter Programmierer geht in die Disco, um sich die Lichtorgel anzusehen.
- Bei Begräbnissen sagt der Echte Programmierer typischerweise ''Armer Hans-Helmut. Er war mit seinem Sortierprogramm schon fast fertig, als ihn der Herzinfarkt erwischt hat''.
- Im Supermarkt besteht der Echte Programmierer darauf, seine Bierdosen selber über das Fenster des Strichcodelesers zu schieben, weil er keinem Kassierer zutraut, dies beim ersten Versuch richtig zu machen.
In welcher Umgebung der Echte Programmierer am besten funktioniert?
Nun, dies ist eine sehr wichtige Frage für die Manager von Echten
Programmierern. Wenn man bedenkt, wie teuer es ist, einen von ihnen in
Betrieb zu halten, dann sollte man ihn oder sie in eine optimale
Arbeitsumgebung versetzen.
Der typische Echte Programmierer lebt vor einem Computerterminal. Rund
um dieses Terminal liegen Ausdrucke von jedem Programm, an dem er je
gearbeitet hat, sie stapeln sich grob chronologisch geordnet auf jeder
ebenen Fläche des Büros. Im Zimmer verteilt finden sich über ein
Dutzend mit kaltem Kaffee mehr oder minder gefüllte Tassen.
Gelegentlich schwimmen Zigarettenkippen darin herum, in einigen Fällen
auch Reste von Orangenschalen. Irgendwo liegen Kopien des OS JCL
Manuals und der ''Principles of Operation'' an einer besonders
interessanten Stelle aufgeschlagen herum, außer bei extrem guten
Leuten. An der Wand klebt ein Schnelldrucker-Kalender mit Snoopy drauf
aus dem Jahre 1969. Über den Boden verteilt liegen Reste der
Verpackungen von gefüllten Keksen (der Typ, der schon in der Fabrik so
furztrocken gebacken wird, daß er auch bei längerem Liegen im
Automaten nicht schlechter wird). Schließlich, in der linken, oberen
Schublade des Schreibtischs, unter der Schachtel mit den Muntermachern,
liegt eine Schablone für Flußdiagramme, die sein Vorgänger dort
vergessen hat. Echte Programmierer schreiben Programme und keine
Dokumentation, das überläßt man den Typen von der Wartung.
Der Echte Programmierer ist in der Lage, 30, 40, ja sogar 50 Stunden in
einem Rutsch zu arbeiten, und das unter hohem Zeitdruck. Genaugenommen
mag er es so am liebsten. Schlechte Antwortzeiten regen den Echte
Programmierer nicht auf - sie geben ihm eine Chance, zwischen zwei
Kommandos ein bißchen Schlaf zu ergattern. Wenn die Planung nicht
genügend Zeitdruck bereithält, dann tendiert der Echte Programmierer
dazu, seine Arbeit herausfordernder zu machen, indem er sich die ersten
neun Wochen mit einem kleinen, aber sehr interessanten Teil des
Problems befasst, um dann in der letzten Woche seine Aufgabe in zwei
oder drei 50-Stunden-Marathonsitzungen zu beenden. Dies beeindruckt
nicht nur den Manager, sondern schafft gleichzeitig eine hervorragende
Entschuldigung für das Fehlen der Dokumentation. Und überhaupt: Kein
Echter Programmierer arbeitet von 9 bis 5, außer denen von der
Nachtschicht. Echte Programmierer tragen keine Schlipse. Echte
Programmierer tragen keine hochhackigen Schuhe. Echte Programmierer
kommen zur Arbeit, wenn andere zum Mittagessen gehen. Ein Echter
Programmierer vergißt vielleicht den Vornamen seiner Angetrauten, aber
niemals den Inhalt der gesamten ASCII- (bzw. EBCDIC-) Tabelle. Echte
Programmierer können nicht kochen. Da Supermärkte um 3 Uhr morgens
selten geöffnet haben, müssen sie sowieso von Kaffee und Keksen
leben.
Die Zukunft betrachtend machen sich eine Reihe von Echten
Programmierern Sorgen, daß die jüngste Programmierergeneration nicht
mehr mit der gleichen Lebensperspektive aufwächst wie sie selbst.
Viele der Jüngeren haben noch nie einen Computer mit Maschinenkonsole
gesehen. Kaum ein Schulabgänger kann heute noch hexadezimal rechnen,
ohne einen Taschenrechner zu benutzen. Die Studenten von heute sind
weich - geschützt vor den Realitäten der Programmierung durch
symbolische Debugger, Texteditoren, die Klammern zählen, und
benutzerfreundliche Betriebssysteme. Und das schlimmste ist, einige
dieser angeblichen Computer-Spezialisten kommen zu Rang und Namen, ohne
je FORTRAN zu lernen! Sind wir dazu verdammt, eine Industrie von
UNIX-Hackern und Pascal-Programmierern zu werden?
Nun, aus meiner Erfahrung heraus glaube ich, behaupten zu dürfen, daß
das Schicksal den Echten Programmierern wohlgesonnen ist. Weder OS/370
noch FORTRAN zeigen irgendwelche Symptome des Aussterbens, trotz aller
Anstrengungen der Pascal-Programmierer. Selbst subtilere Tricks wie das
Hinzufügen strukturierter Schleifen zu FORTRAN sind fehlgeschlagen.
Sicher, einige Computerhersteller liefern FORTRAN-77-Compiler, aber
jeder einzelne von ihnen läßt sich über eine einzige Compiler-Option
in einen FORTRAN-66-Compiler verwandeln - mit DO-Schleifen, wie von
Gott geschaffen.
Selbst UNIX scheint für den Echte Programmierer nicht mehr so schlecht
zu sein wie früher. Die neueste UNIX-Version hat das Potential eines
Betriebssystems, das eines Echte Programmierers würdig ist. Sie hat
zwei verschiedene, leicht inkompatible Benutzerschnittstellen, einen
geheimnisvollen und komplizierten Teletype-Treiber und virtuellen
Speicher. Und wenn der Echte Programmierer die Strukturierung
ignoriert, kann er sich sogar mit C anfreunden. Schließlich gibt es
keine Typenbindung, Bezeichner sind sieben (Zehn? Acht?) Zeichen lang,
und man hat Zeiger als Bonus. Das ist, als hätte man die besten Teile
von FORTRAN und Assembler vereinigt, von den kreativeren Möglichkeiten
des #define ganz zu schweigen.
Nein, die Zukunft ist nicht völlig schlecht. So hat sich in den
vergangenen Jahren die populäre Presse sogar über die clevere neue
Brut von Computer-Schraten und -Hackern geäußert, die Plätze wie
Stanford und MIT zugunsten der Wirklichkeit verlassen haben. Allen
Anzeichen nach lebt der Geist der Echten Programmierung weiter in
diesen jungen Männern und Frauen. Und solange es schlecht beschriebene
Ziele, bizarre Fehler und unrealistische Zeitpläne gibt, solange wird
es Echte Programmierer geben, die bereit sind, einzuspringen und das
Problem zu lösen, und die sich die Dokumentation für später
aufheben.



